Gentechnik

von Killerbienen und Monstergemüsen

Udo Pollmer, Gemmingen

Wozu Gentechnik? Hat die traditionelle Landwirtschaft nicht eine Fülle von hochwertigen und schmackhaften Pflanzen und Tieren hervorgebracht? Ist das, was die Natur uns bietet, das was die Menschheit Jahrtausende gesund und fruchtbar erhalten hat, auf einmal nicht mehr gut genug? Warum hier etwas riskieren, ohne dass wir die Folgen bis in die letzte Konsequenz kennen? Oder glaubt jemand an die Mär vom Kampf gegen den Welthunger? Schließlich bekommen nur die zu essen, die es auch bezahlen können.
Im saturierten Europa fürchten sich viele Menschen vor genveränderten Nahrungsmitteln, manche denken gar an monströse Ausgeburten aus Frankensteins Labor und sprechen wie die Briten von "Frankenfood". Hand aufs Herz: Würden Sie Blumenkohl, Rotkohl, Rosenkohl oder Kohlrabi kaufen, wenn Sie diese Gemüse nicht kennen und sie Ihnen erstmals im Supermarkt angeboten würden? Sind Ihnen diese bizarr aussehenden Pflanzen nicht unheimlich? Schließlich sind unsere Kohlarten alles andere als Naturprodukte. In freier Natur gab es sie nie, sie wurden alle aus einem gemeinsamen Urahn, der dem ungenießbaren Raps ähnelte, mit tatkräftiger Unterstützung des Menschen gezüchtet.
Heute betrachten wir die Kohlsorten als alte Kulturpflanzen. Wären sie dem Genlabor entsprungen, wie würden die Kritiker den Blumenkohl mit seinem hervorquellenden, unnatürlich weißen Blütenstand wohl einschätzen? Oder den massigen Rotkohl mit den tiefvioletten Blättern und dem weggeschrumpften Stengel, den Rosenkohl, der zwar noch einen Stengel besitzt, bei dem aber die Seitentriebe so zusammengeschnurrt sind, dass sie wie dicke Perlen in den Blattachsen sitzen? Gar nicht zu reden vom Kohlrabi mit seinem sehr stark verdickten Stengel.
Die züchterischen Veränderungen machten nicht bei den „Äußerlichkeiten“ halt, sondern erstreckten sich auch auf die Inhaltsstoffe. Substanzen etwa, die Fraßfeinden wie Mikroben, Maden, Mäusen und Menschen den Appetit verderben sollten, mussten auf ein für den Menschen unschädliches Maß verringert werden. Ein mühsames und langwieriges Geschäft nach der Methode „Trial and Error“, denn schließlich gab es damals die modernen Apparate zur Analyse von Inhaltsstoffen noch nicht. „Versuch und Irrtum“ heißt, die neuen gärtnerischen Kreationen wurden direkt am Verbraucher getestet. Schmeckte und bekam ihm das Gemüse, freute sich der Züchter, wenn nicht, hatten beide Pech gehabt, und das Grünzeug wanderte auf den Komposthaufen der Geschichte.
Genau das passierte beispielsweise mit neuen Kartoffelsorten, bei denen versehentlich der Gehalt an giftigem Solanin erhöht worden war. Aufgrund ihrer Nebenwirkungen wurden sie vom Markt genommen. Schwieriger gestaltet sich die Situation bei Allergenen. Denn bisher schenkte ihnen die traditionelle Züchtung kaum Beachtung. Erstaunlicherweise enthalten die Urformen unserer Reissorten weniger Allergene. Mutmaßlich haben wir sie der klassischen Züchtung zu verdanken. Andererseits wären wir mit dem Urgetreide kaum zufrieden: windige Grashalme mit ganz wenigen Körnern. Erst die systematische Züchtung schuf die vier- und sechszeiligen Gersten, die heutigen Weizen- und Roggensorten mit früher unvorstellbaren Erträgen. Ohne die Züchtung - so riskant sie gewesen sein mag - hätten wir heute nicht genug zu essen.
Wie riskant ist die traditionelle Züchtung wirklich? Erscheint nicht vor unserem inneren Auge das traute Bild von den fleißigen Bienchen, die von Blüte zu Blüte summen, um sie zu bestäuben - Sinnbild einer heilen Welt der natürlichen Fortpflanzung. Wer möchte da schon über Risiken nachdenken? 1956 versuchten Imker in Brasilien tropentaugliche afrikanische mit bienenfleißigen europäischen Rassen zu kreuzen, um in den tropischen Regionen Südamerikas mehr Honig zu ernten. Unerwartetes Ergebnis: die „Killerbiene“. Ganz im Gegensatz zu ihren friedlichen Eltern zeichnete die Brut eine beachtliche Aggressivität aus. Inzwischen verdrängt sie in Amerika die einheimischen Bienen und gefährdet durch ihre Stechlust Mensch und Vieh. Auch beim "natürlichen" Kreuzen kennt also niemand die Risiken.
Keines der Beispiele rechtfertigt die Gentechnik. Aber wer neue Techniken beurteilen möchte, sollte die alten kennen. Dazu gehört neben dem Kreuzen die sogenannte Mutationszüchtung. Nie gehört? Egal ob im Blumengeschäft, in der Gärtnerei oder auf dem Feld, viele der zahlreichen Sorten, die in den letzten Jahrzehnten als Neuheiten auf den Markt kamen, sind so entstanden. Zentraler Punkt dieser Methode ist die Bestrahlung von Saatgut – in der Absicht mit Strahlen aus radioaktiven Quellen das Erbgut der Pflanzen zu verändern.
Aus den veränderten Pflanzen wählen die Züchter diejenigen aus, von denen sie sich Vorteile versprechen. Die Suche nach einer nützlichen neuen Eigenschaft gleicht der Suche einer Nadel im Heuhaufen. Ungeheure Mengen an Saatgut wurden so mit Strahlen behandelt und freigesetzt, damit sich durch puren Zufall auch mal eine “nützliche” Variante herausbildete. Genaugenommen werden bei der Mutationszüchtung Gene nach dem Zufallsprinzip neu erzeugt. Fehlten für irgendeinen Zweck, sei es Krankheitsresistenz oder Salztoleranz, passende Sorten, war die Mutationszüchtung der einzige Weg, über kurz oder lang die gewünschten Eigenschaften zu erhalten.
Niemand wusste, wo die Strahlen überall die Gene treffen, noch was sie verändern, beschädigen oder zerstören. Wir sollten uns stets vor Augen halten, dass diese in unkontrollierter Weise genveränderten Pflanzen die Grundlage unserer heutigen Landwirtschaft sind – auch und gerade des Öko-Landbaus, der auf resistente Sorten angewiesen ist. Der züchterische Fortschritt der letzten 30 Jahre ist das Ergebnis einer unbekümmerten Mutationszüchtung. Ihre Ergebnisse essen wir täglich.
Die meisten Getreidearten, egal ob Mais, Reis, Gerste oder Quinoa, wurden im Rahmen der Mutationszüchtung einer Strahlenbehandlung unterzogen. Gleiches gilt für Gemüse, zum Beispiel Kartoffeln, Tomaten, Soja, aber auch Obst, wie Äpfel, Pfirsiche, Zitrusfrüchte, Trauben oder Bananen. Selbst das farbenprächtige Blumensortiment der Floristen verdanken wir diesem Verfahren. Auch wenn die Erzeugung neuer Gene durch Bestrahlung dank der Fortschritte in der Gentechnik, die eine gezieltere Beeinflussung des Erbmaterials ermöglicht, heute kaum noch eine Rolle spielt, werden die bisher erzeugten Mutanten selbstverständlich weiterverwendet.
So existieren allein beim Reis etwa 7.000 und bei der Tomate 1.800 Mutanten. Bei den Hülsenfrüchten kamen auf diesem Wege 100 neue Sorten auf den Markt. In Italien bedecken Hartweizen-Mutanten etwa 70% der Durum-Anbaufläche. Praktisch die gesamte in Mitteleuropa angebaute Gerste hat Gene in ihrem Erbgut, die so erzeugt wurden. Der bayerische Reinheitsgebots-Biertrinker genießt das Ergebnis dieser Züchtung ebenso begierig wie der Liebhaber italienischer Küche seine „al-dente“-Spaghetti aus Durum.
Die Angst vor der Gentechnik beruht auf der irrigen Überzeugung, Brot, Bier oder Ketchup bestünden aus durchweg „natürlichen“ Rohstoffen, die jetzt in unkontrollierter Weise manipuliert würden. Über die bisherigen Züchtungsformen und ihre ebenso wenig vorhersehbaren Risiken haben wir uns jedoch keine Gedanken gemacht. Wir haben die Produkte einfach freigesetzt und gegessen. Jetzt wird es Zeit, alle Züchtungsmethoden gleichermaßen auf ihre Risiken zu überprüfen. Und da kann es sein, dass die Gentechnik von Fall zu Fall besser abschneidet als das genetische Roulette, das wir bisher im Erbgut veranstaltet haben.
Jede neue Technik, egal welche, bietet nicht nur Chancen, sondern beinhaltet auch Risiken, unbekannte Risiken, die auch mit Umsicht nicht vorhersehbar sind. Diese Unsicherheit liefert einer Gesellschaft das Substrat für Spekulationen, je nach Stimmungslage der Nation. In den Nachkriegsjahren wurde die Mutationszüchtung mit Euphorie willkommen geheißen. Sie war samt der Atomtechnik ein Hoffnungsträger der Menschheit, von den Gefahren sprach kaum jemand. Heute wird die Gentechnik mit ebenso großem Engagement abgelehnt, sie bietet den Zukunftsängsten der Menschen ein konkretes Ziel. Diesmal bleiben die Risiken außen vor, die folgen können, wenn wir Chancen nicht nutzen.
Die Gentechnik bietet jeder Gruppe ein Forum, sie erlaubt es ihnen, aus dem breiten Spektrum unterschiedlichster Befunde die passenden Argumente herauszupicken. Der Gen-Mais mit dem eingebauten natürlichen Pflanzenschutzmittel Bt (die Abkürzung für Bacillus thuringiensis) ist dafür ein illustres Beispiel. Bisher wurde dieser Abwehrstoff, der im Mais den schwer bekämpfbaren Maiszünsler abtötet, vor allem im ökologischen Landbau versprüht. Wer also diesen Stoff unbedingt meiden will, sollte nicht nur einen großen Bogen um Maisfelder, sondern auch um jeden Biobauern machen.
Der Vorteil des Bt-Abwehrstoffes ist, dass er vom Sonnenlicht in kurzer Zeit inaktiviert wird und damit kaum Rückstände hinterlässt. Allerdings hat er beim Versprühen zwei Nachteile: erstens erreicht er Schädlinge wie den Maiszünsler im Inneren des Stengels nicht und zweitens vernichtet er auch alle Nützlinge, die auf dem Acker Unkraut verzehren. Dieser ökologische Schaden lässt sich vermeiden, indem man das Bt-Gen auf Mais überträgt, so dass nur Insekten sterben, die sich auch tatsächlich am Mais gütlich tun. Aber auch hier sind unerwünschte Effekte möglich: Nachdem der Bt-Abwehrstoff auch in den Pollen gebildet wird, können damit auch Schmetterlingsraupen Schaden nehmen, die Pollenstaub verzehren.
So wie es unerwartete Nachteile gibt, zeigen sich manchmal im Nachhinein auch ungeahnte Vorteile: Der Gen-Mais enthält weniger Schimmelpilztoxine als traditionelle Sorten. In unseren Breiten wird der Mais regelmäßig von Schimmelpilzen, vor allem Fusarien und Aspergillen, befallen, die gesundheitsgefährdende Substanzen produzieren. Wird der Mais verfüttert, leidet das Vieh z. B. unter Fruchtbarkeitsstörungen. Da die Pilzsporen von Schadinsekten wie dem Maiszünsler verbreitet werden, ist der Bt-Mais um 80 bis 90 Prozent geringer mit Toxin belastet. Dieser Effekt ist aus Sicht des Verbraucherschutzes sogar wichtiger als der ursprünglich beabsichtigte geringere Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und die höheren Erträge beim Gen-Mais.
Egal für welche Züchtungsmethode wir uns entscheiden, wir werden die Frage beantworten müssen: Welchen züchterischen Fortschritt wollen wir überhaupt? Warum etwas riskieren, wo unser Brotkorb doch voll ist? Sollen unsere Landwirte doch alte robuste Landsorten anbauen. Leider sind diese Sorten anfälliger als viele Menschen wahrhaben wollen. Denn durch Handel und Tourismus werden ständig aus anderen Teilen der Welt neue Krankheiten und Schädlinge eingeschleppt - ohne dass die Öffentlichkeit davon Notiz nähme. Dagegen haben auch alte Sorten keine Antwort parat. Wozu auch, sie haben sie ja nie benötigt. Dann suchen die Züchter fieberhaft nach Genen, mit denen sich unsere Sorten wieder stabilisieren lassen. Deshalb kann es nicht genügen, mit dem Erreichten zufrieden zu sein.
Dies gilt auch für die Erträge. Natürlich ist die Gentechnik nicht angetreten, um Hunger und Elend vom Antlitz dieser Erde zu tilgen. Ausreichend zu essen bekommen nur die, die es sich leisten können. Das Ziel der Saatgut-Unternehmen ist es aber, den Ertrag ihrer Sorten zu steigern, ihnen Eigenschaften verleihen, die einen Anbau auch unter ungünstigen Bedingungen lukrativ machen. Die Nutznießer leben nicht nur in den reichen Ländern. Solange Überschüsse produziert werden, bleiben die Nahrungsmittelpreise auf dem Weltmarkt niedrig - die beste Versicherung gegen den Hunger. Wird Weizen oder Soja knapp, beginnt die Spekulation. Längst vergessen geglaubte Teuerungen vergangener Jahrhunderte stehen dann wieder ins Haus. Der Kampf gegen den Welthunger ist nicht das vordringlichste Anliegen der Gentechnik-Unternehmen. Es ist vielmehr ein unvermeidlicher Nebeneffekt, von dem alle profitieren werden.

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