Der globale Markt für GVO-Produkte:

Auswirkungen auf die Lebensmittelkette in Europa

Der Einsatz gentechnisch veränderter Rohstoffe in der Lebensmittelherstellung bleibt weiterhin umstritten, auch wenn das Thema „Gentechnik“ durch aktuelle Ereignisse, wie z. B. die Vogelgrippe, vorübergehend aus den Schlagzeilen verdrängt worden ist. Wo stehen wir? Was entwickelt sich anderswo? Wie wird es weitergehen? Frau Professor Kniel, Mitautorin der Studie „Der globale Markt für GVO-Produkte: Auswirkungen auf die Lebensmittelkette in Europa“, hat der Lebensmittel Zeitung zu diesen Fragen ein Interview gegeben, das auszugsweise in der Ausgabe vom 27. Januar 2006 veröffentlicht wurde. Wir freuen uns darüber, das Interview in der vollen Länge abdrucken zu können. Frage: Vor allem in Deutschland ist die Akzeptanz für Lebensmittel, die mit Hilfe von oder aus gentechnisch veränderten Organismen (GVO) hergestellt wurden, gering. Warum ist das Thema in anderen Ländern nicht so negativ besetzt wie hierzulande? Ist das tatsächlich so? Die Akzeptanz der Gentechnik im Bereich Lebensmittel umfasst in den Ländern der EU ein breites Spektrum. Eine eher restriktive Haltung gibt es in Österreich, Italien und England und außerhalb der EU in der Schweiz, während in Ländern wie Holland oder Spanien die Positionen von höherer Toleranz gekennzeichnet sind. Insgesamt dürfte Deutschland in dieser Bandbreite eher einen Mittelplatz einnehmen. Die Akzeptanz in Deutschland wird meist über Umfragen ermittelt. Je nach Schwerpunkt und Ausrichtung der Umfragen kommen zum Teil sehr unterschiedliche Ergebnisse heraus. Bei Umfragen, in denen für den Verbraucher positive Aspekte wie z.B. gesundheitliche Vorteile im Mittelpunkt stehen, gibt es durchaus eine deutliche Akzeptanz. Auch spiegeln Ergebnisse aus Umfragen nicht unbedingt das tatsächliche Kaufverhalten wider. Untersuchungen über das Kaufverhalten gibt es aber nur wenige, weil entsprechende Produkte noch nicht auf dem Markt sind und der Verbraucher eine entsprechende Wahlmöglichkeit derzeit nicht hat. Ein Testverkauf in einem Supermarkt zeigte jedoch, dass die Akzeptanz von GV- Lebensmitteln bei deutlichen Preisvorteilen durchaus gegeben ist. Frage: Wie stark wird Gentechnik heute weltweit in der Landwirtschaft eingesetzt? Im Gegensatz zu den gentechnisch nicht veränderten Erzeugnissen konzentriert sich der derzeitige Markt für gentechnisch veränderte Produkte (GV-Produkte) auf Rohwaren aus vier Pflanzenarten: Soja, Mais, Baumwolle und Raps. Man geht davon aus, dass 2004 auf ca. 26 % der weltweit bewirtschafteten Flächen GV-Pflanzen angebaut wurden (Soja 51%, Mais 12%, Baumwolle 24% und Raps 15%). Neue Zahlen über die Anbausituation im letzten Jahr zeigen, dass auch in 2005 eine weitere Zunahme um 11% zu verzeichnen war. Der Anteil von GV-Soja liegt jetzt bereits bei ca. 60%, was vor allem auf den um 88% gestiegenen Anbau in Brasilien zurückzuführen ist. Große Flächenländer wie Brasilien und China setzen vermehrt auf den Anbau von GV-Pflanzen, da die Vorteile für die Landwirte, das sind im wesentlichen Kosteneinsparungen und Ertragssteigerungen, sehr attraktiv sind. (siehe angehängte Graphik: Die Entwicklung der Anbauflächen seit 1996 bis 2005). Frage: Im Dezember wurden die ersten gentechnisch veränderten Maissorten für den Anbau in Deutschland zugelassen. Wie entwickelt sich dadurch und durch andere Faktoren das Angebot gentechnisch unveränderter Rohware? Der gentechnisch veränderte Bt-Mais wird 2006 und in den weiteren Jahren in Deutschland in den kommerziellen Anbau gehen, allerdings in zunächst nur geringem Umfang, so dass der Bezug von konventionellem Mais sowohl in Deutschland als auch aus anderen europäischen Ländern kurz- und mittelfristig möglich sein wird. Ausschließliches Interesse am Anbau dieser Maissorte haben Landwirte in Gebieten, in denen ein Pflanzenschädling, der sog. Maiszünsler, den Mais befällt und zu Ertragseinbußen führt. Durch Anbau des gegen den Maiszünsler resistenten Bt-Mais erwarten sich die Landwirte einen Beitrag zur Ertragssicherung und -steigerung. Die Verbraucher profitierten zudem auch davon, da dieser resistente Mais deutlich weniger von Schimmelpilzen befallen wird, was durchaus gesundheitlich von Vorteil ist, aber leider viel zu wenig in der Öffentlichkeit publik gemacht wird. Wie schnell sich der Anbau von GV-Mais in den verschiedenen Ländern der EU, allen voran Spanien, weiter entwickeln wird, hängt von mehreren Faktoren ab. Dazu gehören die realisierten Vorteile für die Landwirte, die politischen Rahmenbedingungen für die Koexistenz von verschiedenen Anbauformen, was ja in Deutschland derzeit auch ein Thema ist, und natürlich auch die Akzeptanz innerhalb der weiterverarbeitenden Kette bis hin zum Einzelhandel und dem Verbraucher . Frage: Neuesten Studien zufolge liegen die Preise für konventionelle Rohware oder Futtermittel bereits heute über den Preisen für GV-Ware. Auf welche Preiszuschläge für konventionelle Rohwaren muss sich die Industrie in Zukunft einstellen? Die kürzlich durchgeführte Studie1 „Der globale Markt für GV-Produkte: Auswirkungen auf die Lebensmittelkette in Europa“ hat die Kostenentwicklung einer GV-Vermeidungsstrategie für die nächsten 5 Jahre untersucht. Es wird prognostiziert, dass bei Lebensmittelrohstoffen auf der Basis von Mais, Raps und Baumwolle mit keiner signifikanten Preissteigerung zu rechnen ist, da es bei diesen Produkten im Betrachtungszeitraum eine ausreichende Versorgung mit den entsprechend konventionell angebauten Pflanzenarten geben wird. Bei Soja hingegen muss wegen der erweiterten Anbauflächen gerade in Brasilien von einer zunehmenden Verknappung von nicht-GV-Soja ausgegangen werden. Die erwarteten Importpreisunterscheide können bei Sojabohnen von 8% bis zu 25% betragen, je nachdem welche Anforderungen an die Importware gestellt werden. Bei einem Gehalt von 99% nicht-GV-Soja beträgt der erwartende Preisunterschied zwischen 8 und 20%, bei einem häufig geforderten Gehalt von 99,9 % dagegen schon bei 13 - 25%. Die Preisaufschläge gelten aber zunächst nur für die erste Verarbeitungsstufe von Sojabohnen. Jeder weitere Verarbeitungsschritt zur Herstellung von Ölen, Proteinen oder Lecithin verstärkt die Preisunterscheide nochmals, da auch auf diesen Verarbeitungsstufen eine Trennung von GV-Ware gewährleistet werden muss. So ist der Preis für Soja-Lecithine aus nicht-GV-Soja innerhalb weniger Jahre um bis zu 400% gestiegen. Ein weiterer Aspekt, der momentan zunehmend diskutiert wird, sind die Entwicklungen von neuen Massenmärkten wie Bio-Diesel und Bio-Alkohol, die möglicherweise zur Verknappung von europäischem Mais und Raps führen könnten und ggf. den vermehrten Bezug von Ware mit GV-Anteilen aus Übersee notwendig machen. Frage: Welche Branchen der Lebensmittelwirtschaft sind besonders betroffen? Besonders betroffen sind die Hersteller von Futtermitteln und alle nachgelagerten Stufen der Tierhaltung und Fleischerzeugung, die von den eiweißreichen Sojaprodukten abhängig sind. Das ist insbesondere bei der Geflügelzucht der Fall. In der Lieferkette von Geflügelprodukten (Fleisch und Eier) werden vermehrt Forderungen nach Fütterung der Tiere mit konventionellen Sojaprodukten laut, obwohl es heute keine Kennzeichnungspflicht für Fleisch aus sog. „GV-gefütterten“ Tieren gibt. Die Preissteigerung bei nicht-GV-Futtermitteln werden auf 6-10% der Futterkosten veranschlagt, was einen Rentabilitätsverlust von –9 bis zu –29% zur Folge hat, da die Mehrkosten bislang nicht weitergegeben werden können. Sollte sich dieser Trend fortsetzen, kann das eine Existenzkrise für die deutsche Geflügelwirtschaft zur Folge haben. Aber auch die Hersteller von Speiseöl und Margarine sind betroffen. Sie setzen verstärkt aufgrund des Marktdruckes auf den Einsatz alternativer Öle wie z.B. auf Raps und Sonnenblumen, womit eine Kostensteigerung von mind. 15% verbunden ist. Unabhängig von der Preissteigerung bei den genannten Lebensmitteln aufgrund der steigenden Rohstoffkosten ist nahezu die gesamte Lebensmittelbranche mit Zusatzkosten im Rahmen der praktizierten GV-Vermeidungsstrategie betroffen. Je nach Abhängigkeit der einzelnen Branche vom Bezug von nicht-GV-Produkten oder von der Notwendigkeit des Austausches von GV-Rohstoffen durch alternative Rohstoffquellen können die Personalkosten für die gegenwärtig praktizierte GV-Vermeidungsstrategie beträchtlich sein und die Preiseffekte bei den Rohstoffen noch übertreffen. Das betrifft Ressourcen in den Bereichen Einkauf, Entwicklung, Qualitätsmanagement etc. Frage: Ist die „Gentechnik-Vermeidungsstrategie“, die Industrie und Handel in Deutschland fahren, überholt? Wie lange werden Hersteller und Händler in Zukunft noch garantieren können, nur Lebensmittel ohne Zutaten aus GVO auf den deutschen Markt zu bringen? Aufgrund des weltweit steigenden Anbaus von GV-Pflanzen und der internationalen Warenströme ist die Aufrechterhaltung einer solchen Garantie mittel- und langfristig nur schwer vorstellbar und allenfalls für Nischenprodukte möglich. Ein entscheidender Faktor ist auch, ob durch geänderte gesetzliche Rahmenbedingen die Gentechnik-Kennzeichnung von Lebensmittel erweitert werden wird (z.B. durch Einbeziehung von Lebensmitteln tierischen Ursprungs, die von GV-gefütterten Tieren gewonnen werden). Das würde wohl das Aus für die GV-Vermeidungsstrategien bedeuten. Ist ein Strategiewechsel „weg von einer 100%igen GV-Vermeidungsstrategie und hin zu einer echten Wahlfreiheit des Verbrauchers“ ein möglicher Ansatz, um nicht unter den dargestellten zukünftigen Entwicklungen Nachteile zu erfahren? Wird es möglicherweise schon bald Hersteller geben, die einen solchen Weg einschlagen und transparent gekennzeichnete Produkte „mit und ohne Gentechnik“ parallel auf den Markt bringen, um dem Verbraucher durch das alternative Angebot die gewünschte Wahlfreiheit zu geben und sein Kaufverhalten zu erkunden ? Wie auch immer, es bleibt auf jeden Fall spannend. Graham Brookes (Brookes West, UK), Neville Craddock (Neville Craddock Associates, UK) und Prof. Dr. Bärbel Kniel (Biotask AG, Germany); Die vollständige Studie ist erhältlich unter: www.pgeconomics.co.uk

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