Die neue EU-Kontaminanten-Höchstmengen-Verordnung

Udo Berg, Frankfurt/Main

1. Einleitung
Unter dem Begriff „Kontaminanten“ werden Stoffe bzw. Verbindungen zusammengefaßt, die auf verschiedenen Wegen in Lebensmittel gelangen können und gesundheitlich nicht unbedenklich sind. Hierzu gehören z.B.:
· toxische Spurenelemente, die bei technischen Prozessen auftreten und als Emissionen in die Umwelt und somit auch auf oder in Lebensmittel gelangen können (z.B. Blei)
· Rückstände von Pflanzenbehandlungsmitteln (Pestizide)
· toxische Stoffwechselprodukte von Mikroorganismen (z.B. Mykotoxine)
· toxische Spurenelemente, die geologisch bedingt über die Böden in Pflanzen und damit in Lebensmittel gelangen können (z.B. Cadmium).
Solche Verbindungen können sich aber auch erst in den Lebensmitteln bzw. bei deren Herstellung sowie im menschlichen Verdauungstrakt durch die Reaktion verschiedener Inhaltsstoffe bilden (z.B. 3-Monochlorpropan-1,2-diol (3-MCPD), Nitrosamine).

Zum Schutz der Verbraucher werden Kontaminanten schon seit vielen Jahren auf breiter Basis und mit immer empfindlicheren Messmethoden analytisch erfasst, die Kontaminationswege ermittelt und schließlich Höchstmengen festgesetzt bzw. die Verwendung bestimmter Stoffe oder Verfahren verboten oder eingeschränkt. Dies geschieht mit dem Ziel, den Gehalt dieser Kontaminanten in Lebensmitteln so gering wie möglich zu halten.
Der folgende Beitrag geht insbesondere auf die neuen Regelungen für die Schwermetalle Blei und Cadmium bei Getreide ein und erläutert die aktuelle Rückstandssituation dieser Kontaminanten.

2. Gesetzliche Regelungen
Seit langem gibt es bereits EU-Richtlinien, die die Höchstmengen an Rückständen von Pflanzenschutz- und Schädlingsbekämpfungsmitteln (Pestizide) in Lebensmitteln regeln. In Deutschland finden sich diese Regelungen in der Rückstands-Höchstmengen-Verordnung (RHmV). Mit der 1997 in Kraft getretenen Verordnung (EG) Nr. 194/97 zur Festsetzung der zulässigen Höchstgehalte an Kontaminanten in Lebensmitteln wurden Grenzwerte für Nitrate eingeführt. Durch die Änderungs-Verordnung (EG) Nr. 1525 (1998) wurden zusätzlich Grenzwerte für Aflatoxine aufgenommen. Am 16.3.2001 ist im Amtsblatt der EG mit der Verordnung (EG) Nr. 466/2001 eine Neufassung dieser Verordnung veröffentlicht worden. Die wesentlichen Änderungen sind:
· die Einführung von Grenzwerten für die Schwermetalle Blei und Cadmium bei bestimmten Lebensmitteln wie z.B. Milch, Fleisch, Getreide, Gemüse, Fette und Öle
· die Einführung von Grenzwerten für das Schwermetall Quecksilber für Fischereierzeugnisse sowie
· Höchstmengen für 3-MCPD für hydrolysierte Pflanzenproteine und Sojasoße

Sofern für Lebensmittel für Säuglinge und Kleinkinder in nationalen Bestimmungen keine strengeren Werte vorgeschrieben sind, gelten die in dieser Verordnung festgesetzten Höchstmengen auch für diese Lebensmittel. Bis spätestens 05. April 2004 sind auch für diese Lebensmittel spezifische Höchstgehalte festzulegen.
Die Regelungen für Aflatoxine und Nitrate wurden praktisch unverändert in die neue Verordnung übernommen.
Ab dem 5. April 2002 müssen Lebensmittel in allen Mitgliedsstaaten der EG dieser VO entsprechen. Die Grenzwerte für Schwermetalle sowie 3-MCPD gelten nicht für Erzeugnisse, die vor dem 5. April 2002 in Verkehr gebracht wurden.

3. Blei und Cadmium – Höchstmengen und Rückstandssituation bei Getreide
Die neue EU-Kontaminanten-Höchstmengen-Verordnung schreibt bei Getreide (einschließlich Buchweizen) für Blei einen Höchstgehalt von 0,2 mg/kg und für Cadmium von 0,1 mg/kg fest, wobei im Falle des Cadmiums Kleie, Keime, Weizengetreide und Reis bis zu 0,2 mg/kg enthalten können. Die letztmalig in 1997 veröffentlichten Richtwerte für Schadstoffe in Lebensmitteln, die vom Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (bgvv) herausgegeben wurden, enthielten für Blei bei Weizen 0,3 mg/kg und bei Roggen 0,4 mg/kg sowie für Cadmium bei Weizen und Roggen jeweils 0,1 mg/kg als Richtwert.
Blei gelangt überwiegend durch Staub und Regen aus der Atmosphäre auf das Getreidekorn. Die Aufnahme von Blei aus dem Boden ist bei Weizen und Roggen, selbst bei erhöhten Bodenbelastungen, gering. Cadmium dagegen wird von den Getreidepflanzen überwiegend aus dem Boden über die Wurzeln aufgenommen. Hier spielen daher die Bodenbelastung und auch die Getreideart eine wichtige Rolle. So enthält Roggen im Durchschnitt deutlich weniger Cadmium als Weizen.
Zur Rückstandssituation bei Getreide liegt national und auch international umfangreiches Datenmaterial vor. In Deutschland wurden in den Jahren 1975 bis 1993 im Rahmen der „Besonderen Ernteermittlung“ (BEE) auch die Gehalte an Blei und Cadmium ermittelt. Die Analyse des umfangreichen Probenmaterials erfolgte unter maßgeblicher Mitarbeit der Bundesanstalt für Getreide-, Kartoffel- und Fettforschung in Detmold. Mit dem Zweiten Gesetz zur Änderung des Lebensmittel- und Bedarfsgegenständegesetzes (LMBG) vom 25. November 1994 wurden Vorschriften zur Durchführung eines Lebensmittel-Monitorings in das LMBG eingefügt, das die Voraussetzungen schaffen soll, bundesweit, repräsentativ und zuverlässig Angaben über die aktuelle Belastung ausgewählter Lebensmittel mit gesundheitlich nicht erwünschten Stoffen machen zu können. Im Rahmen des Lebensmittel-Monitorings wurden 1998 auch Roggen- und Weizenkörner auf Blei und Cadmium untersucht. Die Ergebnisse sind im Internet veröffentlicht worden: (http://www.bgvv.de/lebensmittel/lebensmittelsicherheit/stoffl_risiken/rueckstaende/lebensmittel/files/monitoring_1998.pdf) Die Lebensmittel- und Landwirtschafts-Organisation (FAO) der Vereinten Nationen hat bereits 1977 ein Netzwerk „Spurenelemente, natürliche Antioxidantien und Kontaminanten“ ins Leben gerufen. Anfang der 90er Jahre wurde der Status von Spurenelementen in deutschen Lebensmitteln ermittelt. Die Daten wurden im August 1995 anlässlich eines Workshops in Helsinki vorgestellt und sind inzwischen auch im Internet verfügbar (http://www.mtt.fi/etl/etk/fao/pdf/Bruggema.pdf).

Aufgrund der vorliegenden Daten lässt sich die Rückstandssituation bei Weizen und Roggen wie folgt zusammenfassen:

Cadmium:
Der Bericht des Lebensmittel-Monitoring 1998 weist für Weizen einen durchschnittlichen Cadmium-Gehalt von 0,037 mg/kg und für Roggen von 0,011 mg/kg auf. Diese Gehalte liegen innerhalb der mehrjährigen Durchschnittswerte aus der BEE, die bei Weizen zwischen 0,046 und 0,064 mg/kg und bei Roggen zwischen 0,009 und 0,014 mg/kg lagen.

Blei
Im Lebensmittel-Monitoring 1998 wurde für Weizen ein durchschnittlicher Bleigehalt von 0,053 mg/kg und für Roggen von 0,048 mg/kg ermittelt. Im Vergleich zu den ermittelten Durchschnittswerten aus der BEE der vergangenen Jahre fällt auf, dass der Bleigehalt bei Roggen in der Tendenz zurückgegangen ist. Im Mittel lag der Bleigehalt bei Roggen in den Jahren 1975 und 1977 bei 0,077 bzw. 0,090 mg/kg. Dieser Rückgang ist vor allem auf die zum Schutz der Umwelt erlassenen Gesetze (Benzin-Blei-Gesetz und TA-Luft) zurückzuführen.
Damit liegen die aktuellen Durchschnittswerte deutlich unter den Grenzwerten der neuen EU-Kontaminanten-Höchstmengen-Verordnung (0,1 mg/kg bei Cadmium und 0,2 mg/kg bei Blei). So kommt der Bericht des Lebensmittel-Monitorings 1998 in seiner Schlussfolgerung zu dem Ergebnis, dass Weizen und Roggen im Hinblick auf die betrachteten Stoffe zu den gering kontaminierten Lebensmitteln gehören. Dies gilt insbesondere auch für das Vorkommen von Cadmium.

Literatur:
1. Verordnung (EG) Nr. 194/97 der Kommission vom 31.01.1997 zur Festsetzung der zulässigen Höchstgehalte für Kontaminanten in Lebensmitteln. Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften Nr. L138 vom 29.05.1997
2. Verordnung (EG) Nr. 1528/98 der Kommission vom 16.07.1998 zur Änderung der Verordnung (EG) Nr. 194/1997 zur Festsetzung der zulässigen Höchstgehalte für Kontaminanten in Lebensmitteln. Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften Nr. L201 vom 17.07.1998
3. Verordnung (EG) Nr. 466/2001 der Kommission vom 08. März 2001 zur Festsetzung der Höchstgehalte für bestimmte Kontaminanten in Lebensmitteln. Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften Nr. L77/1 vom 16.03.2001
4. Verordnung über Höchstmengen an Rückständen von Pflanzenschutz- und Schädlingsbekämpfungsmitteln, Düngemitteln und sonstigen Mitteln in oder auf Lebensmitteln und Tabakerzeugnissen (RHmV) vom 21. Oktober 1999, Bundesgesetzblatt I, S. 2082
5. Zweites Gesetz zur Änderung des Lebensmittel- und Bedarfsgegenständegesetzes (LMBG) vom 25.11.1994, Bundesgesetzblatt I, S. 3538
6. Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (bgvv): Lebensmittel-Monitoring 1998, Berlin
7. Proceedings of the Technical Workshop on trace elements, natural antioxidants and contaminants, Helsinki – Espoo, August 25-26, 1995: Herausgeber J.T. Kumpulainen, The Food and Agriculture Organization of the United Nations, Rom 1996
8. Rückstände und Kontaminanten in Getreide und Getreideprodukten: Herausgeber: Dr. H.-D. Ocker, Behr’s Verlag, Hamburg 1992

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