"Runder Tisch"

Drei Klausurtagungen

RA Amin Werner, Bonn/Wien

Vor rund zwei Jahren erfuhren wir eher beiläufig,dass ein Industrieverband aus dem Bereich der chemischen Industrie einen „Runden Tisch “ ins Leben gerufen hat, damit herausragende Persönlichkeiten aus den Bereichen Verbraucherschutz, Wirtschaft, Ministerien/Behörden, Wissenschaft und Journalismus gemeinsam einen Dialog zu bestimmten Fragestellungen durchführen. Das machte uns neugierig! Nachdem wir Kontakt mit dem Verband und dem unabhängigen Moderator aufgebaut hatten, entwickelte sich ein Konzept, wie wir diese neue Form des Dialoges auf unsere Branche umsetzen könnten. Hierüber möchten wir in diesem Bericht informieren.

Motive und Argumente für die Durchführung eines Dialogkonzeptes

Einen Dialog zu führen, bedeutet Zwiegespräch oder Wechselreden zu führen. Der Schwerpunkt liegt mit Sicherheit auf dem Miteinandersprechen als offene Kommunikationsform, die durch einen unabhängigen Moderator begleitet wird. Dabei ist das aktive Zuhören für einen Dialog unverzichtbar. Hierbei sind die Rahmenbedingungen ausschlaggebend für ein vertrauensvolles Kennenlernen. Die Auswahl der Dialogpartner ist wesentlich für den Erfolg eines ergebnisoffenen Dialoges. So sind kritische Fragen erwünscht und müssen seriös behandelt und diskutiert werden. Ebenfalls ist die Vrtraulichkeit des Wortes wichtig und die Möglichkeit, mit Hilfe eines stenographischen Protokolls Aussagen nachlesen zu können. Der Aufbau gegenseitigen Verständnisses erlaubt die Betrachtung von Themen aus unterschiedlichen Blickwinkeln und die Entwicklung neuer gedanklicher Perspektiven. Daraus können sich für jeden Teilnehmer neue Handlungsoptionen entwickeln, um sich eventuell aus der Betriebsblindheit zu befreien. Zum Beispiel können sich Handlungsmaxime entwickeln, die für eine zukunftsweisende Entwicklung einer gesamten Wirtschaftsbranche unentbehrlich sind. Letztendlich entwickelt sich ein Netzwerk, das für alle Dialogpartner nützlich sein kann.

Unser Verband der Backmittel- und Backgrundstoffhersteller ist diesen Weg des Dialoges als Sponsor von drei Klausuren gegangen, weil wir davon überzeugt sind, dass moderne Interessenvertretung neue Wege gehen, den Dialog mit kritischen Persönlichkeiten offensiv und fair führen und glaubwürdig als Berater und Dienstleister seiner Mitglieder nach innen gerichtet und als seriöser Ansprechpartner nach außen neue Wege eröffnen muss. Es wurden daher 30 Personen aus den Bereichen Verbraucherschutz, Wissenschaft, Ministerien/Behörden, Wirtschaft sowie Journalismus eingeladen. Voraussetzung für eine Teilnahme war die Zusage, kontinuierlich an den Klausuren teilzunehmen.

Ergebnisse aus drei Klausuren:

Die 1. Klausur fand Ende Januar 2003 im Kloster Seeon am Chiemsee statt: Herr Dr. Christian Grugel, Leiter der Bundesanstalt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL), hatte in seinem ersten Vortrag den Schwerpunkt auf Lebensmittelsicherheit gelegt und die Frage, welche Umstrukturierungen bei den zuständigen Behörden stattfinden. Danach durfte sich die Branche der Backmittel- und Backgrundstoffhersteller vorstellen und einen kleinen Überblick über die Produkte und ihre Anwendungsfelder geben. Herr Professor Dr. Dr. e.h. Friedrich Meuser, Institut für Lebensmitteltechnologie an der Technischen Universität Berlin, befasste sich mit der Frage, inwieweit die Novel Food-VO eine Innovationsbarriere ist. Die industrielle Landwirtschaft und Produktion im Konflikt mit Mythen und Naturbildern und Emotionen wurde von Herrn Professor Dr. Ortwin Renn, Akademie für Technikfolgeabschätzung in Baden-Württemberg, sehr ausführlich und anschaulich dargestellt. Ein Kenner und Kritiker unserer Branche wie Herr Udo Pollmer versuchte, uns die unbewussten Mechanismen von Essgewohnheiten und die damit verbundenen Probleme bei der Informationsvermittlung nahe zu bringen.

In den umfangreichen Diskussionen wurden zum einen die Probleme angesprochen, die Verordnungen und Gesetze für die Wirtschaft, Wissenschaft und den Verbraucher entwickeln können, und zum anderen festgestellt, dass die traditionelle Aufklärungsarbeit von etablierten Institutionen und die von der Wirtschaft bewusst initiierte Mythenbildung der Lebensmittelherstellung nach dem Motto „früher war alles besser oder heute wird wie vor hundert Jahren produziert„ – den Verbraucher verunsichern und die Verunsicherung bei vermeintlichen Skandalen verschlimmern. Die Realität entspricht oftmals nicht der Darstellung in der Werbung.

Die 2. Klausur Ende September 2003 im Schloss Maurach am Bodensee vertiefte die beiden oben dargelegten Interessensschwerpunkte der Dialogpartner:

Nachdem der (damalige ) Vorsitzende des Verbandes des Backmittel- und Backgrundstoffhersteller Bonn/Wien e.V., Herr Wilfried Rudolph, auf Wunsch der Teilnehmer unser Dialogkonzept als Weg zur Zukunftssicherung kurz dargelegt hatte, begann die inhaltliche Arbeit.

Frau Professor Dr. Bärbel Kniel, biotask AG und Vorsitzende des Backmittelinstitutes e.V., stellte die aktuellen lebensmittelrechtlichen Bestimmungen vor und welche Auswirkungen sie auf die Wirtschaft haben. Herr Peter Becker, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Bäckerhandwerks e.V., befasste sich mit der Situation des Bäckerhandwerkes. Hierbei wurde besonders der Strukturwandel deutlich, in dem sich das Handwerk befindet. Die Qualität der handwerklichen Backwaren wurde besonders hervorgehoben und diskutiert.

Die Macht von Verbraucherverbänden und der Ausfall der Politik wurde von Herrn RA Dr. Donald Steiling, Hamburg, thematisiert. Die Mechanismen der Rechtssetzung, die zunehmend rechtsstaatlich zu hinterfragen sind, wurden sehr lebhaft diskutiert und aus verschiedenen Blickwinkel bewertet. Herr Dr. Rolf Meyer vom Büro für Technikfolgeabschätzung beim Dt. Bundestag (TAB) stellte eine Studie zu „Qualität – was ist das?“ vor. Die dort entwickelten Qualitätsmerkmale für Lebensmittel waren nicht unumstritten und machten deutlich, wie sich die Politiker bei Sachfragen informieren lassen. Diese, selbst für Interessenvertreter neuen Beratungskanäle, zeigten die Neuausrichtung von Politik und Verwaltung, bestimmte Skandalisierungschancen über politischen Zielen einzusetzen.

Die Konsumkultur und ihre ökonomischen Aspekte bei Lebensmitteln wurde von Herrn Professor Dr. Rainer Kühl, Institut für Betriebslehre der Agrar- und Ernährungswirtschaft, dargestellt. Das Desinteresse von rund 89% aller Verbraucher zu Qualitätsmerkmalen von Lebensmitteln verdeutlichte, dass die gesamte Kommunikation zwischen Wirtschaft, Politik, Verwaltung und Verbraucherschützern einerseits und mit den Verbrauchern andererseits ins Leere geht und substantiell keinen messbaren Erfolg verbuchen kann.

Die rechtlichen Aspekte von Gesetzen und Verordnungen mit ihren Wirkungen für die Wirtschaft wurden vertieft und machten deutlich, wie sehr normative Mechanismen den geplanten positiven Zweck verfehlen und meist kontraproduktiv zum gewünschten Erreichen des löblichen Zieles sind.

Sehr deutlich lag der Schwerpunkt der 2. Klausur bei der Diskussion um den Begriff „Qualität“. So konnte im Dialog der Konsens gefunden werden, dass handwerkliche Produktion nicht automatisch eine bessere, an objektiven Kriterien feststellbare Qualität bedeutet. Qualität bedeutet auch, Kundenwünsche zu erfüllen, besondere Herstellungsweisen einzuhalten, beste Rohstoffe einzusetzen, für Transparenz zu sorgen und eine kulturelle und gesellschaftliche Aufgabe wahrzunehmen. Eine definierte Qualität scheint es nicht zu geben, denn die Auffassungen hierzu sind sehr unterschiedlich. Damit ergaben sich die Themen für die 3. Klausur.

Die 3. Klausur, die Anfang Mai 2004 im Bayrischen Haus in Potsdam stattfand, hatte sich mehrere Schwerpunkte gesetzt und ist zu folgenden Ergebnissen gelangt:

Herr Thilo Bode von foodwatch e.V. legte sehr ausführlich den unabhängigen Verbraucherschutz aus seiner Sicht dar. Vor allem sein Begehren, für „Demokratie auf dem Teller“ sorgen zu wollen, zeigt, dass foodwatch e.V. für Transparenz und Aufklärung stehen möchte. Der Verbraucher als „Schiedsrichter“ wurde in den Mittelpunkt gestellt. Der Verbraucher soll seine Wahlfreiheit ausleben können, auch wenn nach aktuellen Studien die meisten Verbraucher desinteressiert sind oder den Inhalt einer Zutatenliste nicht verstehen.

Herr Dr. Christian Grugel, Bundesanstalt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL), beschäftigte sich ebenfalls mit dem Thema „Transparenz, Informationsvermittlung und Unterscheidbarkeit“ von Lebensmitteln, damit eine Entscheidung vom Käufer getroffen werden kann. Sein Plädoyer: Freiheit für Information – im Sinne eines umfangreichen Informationsangebots für den Verbraucher! Herr Dr. Dirk Hisserich, BakeMark Deutschland GmbH, legte einen weiteren Aspekt zur Bildung von Qualität dar, nämlich „Qualitätsmanagement zur Qualitätssicherung“ von Lebensmitteln. Nicht nur organisatorische Aspekte spielen hierbei eine große Rolle, sondern auch die eigene Definition von Qualität. Hierzu gehören z.B. auch Wareneingangs- und -ausgangskontrollen wie das Prüfen von Mykotoxingehalten im Getreide. Die eigenverantwortliche Qualitätssicherung durch das Unternehmen kann eine Fülle von Qualitätsstandards umsetzen und für Lebensmittelsicherheit stehen. Mit einem rechtlichen Thema befasste sich Herr Rechtsanwalt Professor Dr. Hans-Jürgen Rabe, Berlin. Welchen Einfluss mittlerweile die EU auf die Gestaltung des Lebensmittelrechts hat und ob der nationale Gesetzgeber nur noch ausführendes Organ der EU ist oder noch eigene Entscheidungskompetenzen hat, wurde von ihm geprüft und beantwortet.

Diese 3. Klausur zeigte nochmals deutlich, dass die Dialogpartner ihren Schwerpunkt weiterhin zum einen in der Ausleuchtung des Begriffs „Qualität“ sahen und zum anderen bei im Begriff „Transparenz“ in jeglicher Hinsicht. Ein Schlüsselbegriff wurde zunehmend in den Focus gestellt: Der Verbraucher. Wer ist der Verbraucher?

Wie erreicht man den Verbraucher? Wie kommuniziert man mit dem Verbraucher? Viele Fragen, die noch auf Antworten warten.

Sehr wichtig war weiterhin die Erkenntnis, dass die Eigenkontrolle der Unternehmer die Garantie für Qualität ist. Die asymmetrische Informationsvermittlung stellt eines der großen Probleme in der Kommunikation dar. Dieser Aspekt sollte zukünftig besonders behandelt werden.

Ausblick für die Zukunft:

Wir sind davon überzeugt, dass dieser Dialog nicht abbrechen darf, sondern fortgesetzt werden muss. Wir haben das Gefühl, dass wir gerade erst begonnen haben, eine gemeinsame Entwicklung zu vollziehen, die noch viele Antworten auf eine Fülle von Fragen bringen wird. Diese Fragestellungen beziehen sich nicht nur auf die Backmittel- und Backgrundstoffhersteller, sondern auf das gesamte backende Gewerbe, wenn nicht sogar auf die gesamte Lebensmittelwirtschaft. So haben wir zwar den Begriff „Qualität“ aus einigen Perspektiven beobachtet, aber noch nicht ganz erfasst. Was ist Qualität? Ist die Antwort eher bei den Philosophen und Psychologen zu suchen? Wie nimmt der Verbraucher Qualität wahr und welche Schwerpunkte setzt er? Bestehen Mechanismen zwischen der Erweckung von Qualitätswünschen beim Verbraucher und der Befriedigung derselben durch Konsum? Wie wichtig ist dem Verbraucher das Herstellungsverfahren als Qualitätsmerkmal? Und kann der Verbraucher überhaupt ermessen was sich unter den Stichworten „Schadstoffreduzierung“, „Mykotoxine“, „Rückverfolgbarkeit“ und „Gentechnik“ verbirgt? Immer wieder haben wir auch Aspekte der Ernährung angesprochen. Die Ernährungswissenschaften scheinen mehr Fragen aufzuwerfen als zu beantworten. Sind Modetrends wie die „Atkinsdiät“ oder die Ernährung nach dem „Glykämischen Index“ nicht schädlich für das Grundvertrauen des Verbrauchers? Werden nicht psycho-soziale Mechanismen ausgenutzt, um Geld zu verdienen? Was ist heute eine ausgewogene Ernährung und welche Rolle spielt hierbei die Qualität? Wird das Qualitätsbewusstsein eines Verbrauchers spätestens beim Blick auf das Preisschild des Lebensmittels beeinflusst? Was steckt wirklich hinter dem Werbeslogan „Geiz ist geil“? Schlussendlich fragen wir uns, ob „Transparenz“ zwar ein hohes Gut und die Basis für Vertrauen ist, aber vielleicht auch ein Irrweg sein kann? Ist der Durchschnittsverbraucher völlig überfordert, die bereits jetzt schon vorhandene Transparenz zu erfassen? Gehen wir als gebildete Menschen von einer Welt aus, die nicht der Realität entspricht? Und kann zu große Transparenz zu einem massiven Vertrauensschwund führen? Ist der Durchschnittsverbraucher in der Lage, transparente Herstellungsverfahren und Rohstoffbezeichnungen intellektuell zu verarbeiten und damit zu verstehen? Oder sorgt eine bestimmte Bildungsschicht, nur um ihr eigenes Gewissen zu beruhigen und damit auf Kosten des Durchschnittsverbrauchers zu leben, für übertriebene Transparenz? Bedeutet geringere Transparenz automatisch auch einen Einschnitt in die Freiheit?

Fragen über Fragen, die wir nicht beantwortet haben, aber für die wir passende Antworten suchen! Aus dieser Fülle von Fragen, die hier nur beim Berichterstatter aufgekommen sind, wird deutlich, dass die backende Branche – und damit ist das backende Gewerbe – Bäcker-handwerk und Großbäckereien auf der einen Seite und die Rohstofflieferanten, Mühlen und Backmittel-und Backgrundstoffhersteller auf der anderen Seite gemeint, gemeinsam diese Dialogform fortsetzen sollten. Partnerschaftlich können wir füreinander Verständnis aufbauen und uns gemeinsam mit unseren Dialogpartnern weiter entwickeln. Das aufgebaute Netzwerk verdient es, weitergeführt zu werden.

Neue Gentechnik-Kennzeichnung:

Offizielle Stellungnahme des Österreichischen Bundesministeriums für Gesundheit und Frauen (BMGF)

In den Ausgaben des bmi-aktuell 3/2003 und 1/2004 haben wir über die neue Gentechnik-Kennzeichnung, die mit den EU-Verordnungen 1829 und 1830/2003 veröffentlicht wurden, informiert.

Bislang hat die EU-Kommission noch keine verbindlichen Interpretationshilfen zu den Verordnungstexten gegeben. Insbesondere sind Abgrenzungsfragen hinsichtlich der Kennzeichnung von „aus GVO“ hergestellte Zutaten und „mit Hilfe von GVO“ hergestellten Zutaten ungeklärt.

Das Österreichische Bundesministerium für Gesundheit und Frauen (BMGF) hat im April dieses Jahres eine Broschüre mit dem Titel „vom Feld bis zum Teller – Kennzeichnung genetisch veränderter Lebensmittel“ herausgebracht. In dieser Broschüre werden erstmalig von einer nationalen Regierung innerhalb der EU verbindliche Interpretationshinweise, insbesondere zu der oben aufgeworfenen Abgrenzungsfrage, gegeben.

Diese Broschüre kann als pdf-Datei unter folgendem Link heruntergeladen werden:

www.bmgf.gv.at/cms/site/attachments/3/3/2/CH0047/CMS1081935072203/kennzeichnung-gv-lm-internet.pdf

Wir sind der Ansicht, dass diese Broschüre, die den Verbraucher als Zielgruppe hat, sehr verständlich und praxisorientiert formuliert ist.

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